
Dieser Text hat mich absolut vom Hocker gehauen, weil er so unglaublich gut ist und der Autor erlaubte mir dankenswerterweise, diesen Text veröffentlichen zu dürfen.
von Axel Kuhn,
Leiter des Görres-Gymnasiums / Düsseldorf:
Zwischen Cicero und ChatGPT – Wie Künstliche Intelligenz das Lernen verändern wird
Wenn wir heute über Künstliche Intelligenz sprechen, geschieht dies oft in den Kategorien der Beschleunigung: schneller schreiben, schneller recherchieren, schneller lösen. Schule jedoch — zumal ein humanistisches Gymnasium — hatte nie allein den Auftrag, Geschwindigkeit zu erzeugen. Ihr Ziel war stets Urteilskraft.
Gerade deshalb wird KI die Schule tiefgreifend verändern.
Die Frage ist dabei nicht mehr, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen werden. Sie tun es bereits. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Werden sie lernen, diese Werkzeuge klug, kritisch und verantwortungsvoll einzusetzen — oder werden sie ihnen gedankenlos ausgeliefert sein?
Ein humanistisches Gymnasium besitzt für diese Herausforderung möglicherweise bessere Voraussetzungen als viele glauben. Denn die großen Fragen, die uns durch KI begegnen, sind letztlich keine technischen, sondern anthropologische Fragen:
Was bedeutet Wissen, wenn Informationen jederzeit verfügbar sind?
Was bedeutet Originalität, wenn Texte auf Knopfdruck entstehen?
Was bedeutet Bildung, wenn Maschinen scheinbar denken können?
Die Tradition humanistischer Bildung war nie bloß Stoffvermittlung. Das zentrale Ziel humanistischer Bildung am Görres-Gymnasium besteht in der „Bildung als Menschen-Bildung, in der Förderung der Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen. Es zielt auf die Fähigkeit zur Unterscheidung: zwischen Meinung und Erkenntnis, zwischen Rhetorik und Wahrheit, zwischen bloßer Information und wirklichem Verstehen. Genau diese Fähigkeiten werden im Zeitalter der KI wichtiger denn je.
Natürlich wird sich Unterricht verändern. Manche klassischen Hausaufgabenformate verlieren bereits ihre Aussagekraft. Reine Reproduktion von Wissen wird an Bedeutung verlieren, weil Maschinen sie mühelos übernehmen können. Gleichzeitig gewinnen andere Kompetenzen enorm an Gewicht: präzises Fragenstellen, kritische Quellenbewertung, argumentatives Denken, kreative Verbindung von Wissen, ethische Reflexion und die Fähigkeit, Verantwortung für eigene Urteile zu übernehmen.
Vielleicht führt uns KI paradoxerweise sogar zurück zu einem älteren Bildungsverständnis. Wenn Maschinen Routineleistungen übernehmen, wird das Menschliche sichtbarer: Gespräch, Interpretation, Haltung, Zweifel, Kreativität und Persönlichkeit.
Gerade die alten Sprachen können in diesem Zusammenhang neue Aktualität gewinnen. Wer einen lateinischen oder griechischen Text übersetzt, lernt nicht nur Vokabeln und Grammatik. Er lernt Genauigkeit, Kontextsensibilität und den produktiven Umgang mit Mehrdeutigkeit — Fähigkeiten, die auch im Umgang mit KI unverzichtbar sind. Denn KI liefert oft überzeugende Antworten, aber nicht notwendig wahre.
Deshalb wird Schule künftig weniger ein Ort der Informationsvermittlung sein als ein Ort der Orientierung. Lehrkräfte werden nicht überflüssig; ihre Rolle wird anspruchsvoller. Sie werden stärker zu Mentoren, Einordnenden und Begleitern eines Lernprozesses, der sich nicht mehr allein über Wissensvorsprung legitimiert.
Auch Prüfungen werden sich verändern müssen. Wo jede Schülerin und jeder Schüler jederzeit Zugriff auf generative KI hat, genügt es nicht mehr, Ergebnisse zu kontrollieren. Wichtiger wird es sein, Denkwege sichtbar zu machen: im Gespräch, in Diskussionen, in Präsentationen, in mündlicher Verteidigung von Positionen.
Dabei sollten wir weder in Euphorie noch in Kulturpessimismus verfallen. Jede technologische Revolution hat Bildungsdebatten ausgelöst. Der Buchdruck, der Taschenrechner, das Internet — stets stand die Sorge im Raum, menschliche Fähigkeiten könnten verkümmern. Tatsächlich aber veränderten sich Kompetenzen und kulturelle Praktiken.
KI wird Denken nicht ersetzen. Aber sie wird verändern, wie wir denken.
Umso wichtiger ist eine Schule, die jungen Menschen nicht nur Werkzeuge an die Hand gibt, sondern Maßstäbe. Ein humanistisches Gymnasium sollte daher nicht versuchen, KI aus dem Bildungsalltag fernzuhalten. Es sollte vielmehr zeigen, wie technologische Innovation und humanistische Bildung zusammenfinden können: technische Kompetenz verbunden mit ethischer Verantwortung, digitale Souveränität verbunden mit geistiger Tiefe.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Zukunftsaufgabe unserer Schulen: junge Menschen darauf vorzubereiten, in einer Welt intelligenter Maschinen menschlich zu bleiben.
Konkrete Schritte bei der Weiterentwicklung des Lernens und Lehren hat das Görres-Gymnasium im aktuellen Schuljahr schon unternommen:
1. Zum Beginn des 2. Halbjahres beschloss die Schulkonferenz eine „KI-Nutzungsordnung“. Gegenstände dieser Nutzungsordnung sind die Datensicherheit, sodass sich SuS selbst beim Gebrauch von KI schützen und vermeiden, eigene bzw. personenbezogene Daten zu verwenden. Ferner wird der Einsatz von KI im Unterricht und bei Prüfungen verbindlich geregelt.
2. Zur Weiterbildung der Lehrkräfte fand im Dezember 2025 ein pädagogischer Tag zu diesem Thema statt, in dem fachbezogen Unterrichtsinhalte erarbeitet wurden, die in die schulinternen Lehrpläne Einzug halten werden. Im 2. Halbjahr sind zwei weitere Fortbildungsnachmittage vorgesehen, die vor allem die Chancen von KI thematisieren, wenn diese als Lernbegleiter oder Mentor von Schülerinnen und Schülern genutzt wird.

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